Die Sprachen Indiens: Warum es keine einzige Nationalsprache gibt
Die Sprachenvielfalt Indiens überrascht viele, die annehmen, ein so großes Land müsse eine Nationalsprache haben. Tatsächlich wurde keine Sprache zur Nationalsprache erklärt. Woher kommt diese Vielfalt, und wie ist sie rechtlich geregelt? Dieser Beitrag erklärt, welche Sprachen einen offiziellen Status haben, in welchen Schriften sie geschrieben werden und was das für die Verständigung im Alltag bedeutet.

Wie viele offizielle Sprachen gibt es in Indien?
Die Verfassung Indiens nennt in ihrer Achten Anlage 22 offizielle Sprachen. Diese Liste hält fest, welche Sprachen verfassungsrechtlich anerkannt sind, legt aber keine gemeinsame Sprache für das ganze Land fest. Das entspricht einem Staat, in dem viele Sprachgemeinschaften nebeneinander leben.
Die 22 Sprachen der Anlage sind jedoch nicht die einzigen, die im Land gesprochen werden. Die Liste umfasst jene Sprachen, denen die Verfassung einen besonderen Rang einräumt. Die übrigen gehören ebenfalls zum Alltag, auch wenn sie nicht im Verzeichnis stehen.
Hindi und Devanagari: Welche Rolle spielen sie?
Hindi ist Amtssprache der Union, daneben dient Englisch als zusätzliche Amtssprache. Das bedeutet jedoch nicht, dass Hindi eine Nationalsprache ist. Der Status einer Amtssprache unterscheidet sich von dem einer Nationalsprache. Letzteren weist die Verfassung keiner Sprache zu.
Hindi wird in Devanagari geschrieben. Das ist eine Silbenschrift, deren Buchstaben oben einen waagerechten Strich tragen. Daran lässt sich Devanagari auch ohne Sprachkenntnisse leicht erkennen. Hindi und Devanagari werden oft gemeinsam genannt, doch die Schrift ist nicht auf eine einzige Sprache beschränkt. Deshalb sollte man die beiden Begriffe klar voneinander unterscheiden.
Indische Schriften: eine oder viele?
Es gibt viele indische Schriften, die kein einheitliches System bilden. Neben Devanagari werden unter anderem die bengalische, die tamilische und die Telugu-Schrift verwendet. Jede hat eigene Buchstabenformen. Wer Tamil liest, kann deshalb nicht automatisch auch einen Text in Devanagari lesen.
Für Besucher aus anderen Ländern bedeutet das, dass Tafeln, Schilder und Dokumente je nach Region völlig anders aussehen können. Unterschiede in der Schrift gehen meist mit Unterschieden in der Sprache einher. Dieser Zusammenhang sollte jedoch nur so weit vereinfacht werden, wie es die Quellen zulassen.
Sprachfamilien und Mehrsprachigkeit
Die Sprachen Indiens gehören überwiegend zu zwei Familien. Im Norden überwiegen die indoarischen Sprachen, im Süden die dravidischen. Diese Aufteilung hilft zu verstehen, warum sich Sprachen aus verschiedenen Landesteilen so stark unterscheiden.
Mehrsprachigkeit ist in Indien eine natürliche Folge dieser Vielfalt. In einem Staat bestehen verschiedene Sprachen und Schriften sowie die beiden Amtssprachen der Union, Hindi und Englisch, nebeneinander. Das Fehlen einer Nationalsprache ist daher keine Gesetzeslücke, sondern spiegelt die Wirklichkeit wider.
Zusammenfassung
Die Sprachen Indiens sind vielfältig: Die Verfassung nennt 22 offizielle Sprachen, doch keine hat den Status einer Nationalsprache. Hindi, das in Devanagari geschrieben wird, ist neben Englisch Amtssprache der Union. Zu den weiteren Schriften gehören die bengalische, die tamilische und die Telugu-Schrift. Wer die Kultur Indiens besser kennenlernen möchte, beginnt am besten damit, diese Mehrsprachigkeit zu verstehen.